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Von Punkten, Linien und Flächen

Einführung

Es gibt Photographien, von denen die Betrachter direkt angesprochen werden, Bilder, deren Inhalt unmittelbar fesselt. Es gibt auch Aufnahmen, die voller Begeisterung für das Motiv gemacht wurden und die hinterher enttäuschend wirken.

Es sind oftmals banale Alltäglichkeiten, die in einem Bild in besonderer Weise zur Geltung kommen, während prächtige Bauwerke und große Ozeane langweilig aussehen - es ist also offenbar keine Frage des Motivs. Da durch die große Verbreitung automatischer Kameras die technische Qualität fast aller Photographien zumindest im Albumformat ausreichend ist, kann es auch keine Sache der richtigen Belichtung sein. Die Wahl zwischen Schwarz/Weiß- und Farbmaterial entscheidet ebenfalls nicht über die Wirkung eines Bildes; es gibt interessante und uninteressante Aufnahmen in beiderlei Technik. Die Lösung muß also im Bildaufbau, in der Gestaltung liegen. Maßgeblich sind dafür die Grundelemente, also Punkte, Linien und Flächen: die Formen, aus denen letztlich jedes Motiv zusammengesetzt ist und bei denen es keine Rolle spielt, ob sie farbig sind oder nicht.

Eine Analyse der Bildgestaltung muß also an dieser Stelle ansetzen und kann dann auf jedes Bild angewendet werden. Ein Verständnis dieser Elemente wird demnach zur Grundlage der Erklärung für gelungene und nicht so schöne Photographien.

 

Gestaltende Elemente

Im Bauhausbuch Band 9 von Wassily Kandinski sind die grundsätzlichen Bestandteile eines Bildes dargestellt und in ihren verschiedenen bildprägenden Erscheinungen erläutert. Punkte, Linien und Flächen fügen sich zu Bildern zusammen und stehen in einem Verhältnis zueinander, bauen aufeinander auf.

Ursprung aller Formen ist der Punkt. "Der Punkt behauptet sich fest auf seinem Platz und zeigt nicht die geringste Neigung zur Bewegung in irgendwelche Richtung... Das Reich der Punkte ist unbegrenzt" schreibt Kandinski. Ein Punkt kann also unterschiedlichste Außenlinien und Gestalten haben, er unterscheidet sich von einer Fläche durch seine geringere Ausdehnung im Verhältnis zur Größe des Gesamtwerkes.

Aus dem Punkt entsteht eine Linie. Linien sind die Spuren eines bewegten Punktes. Wirkt eine einzige Kraft auf einen Punkt, so entsteht eine Gerade, wirken verschiedene Kräfte auf einen Punkt ein, so wird aus der Geraden eine geformte Linie.

Wenn sich eine oder mehrere Linien zusammenfügen, so schliessen sie eine Fläche zwischen sich ein. Zusätzlich gibt es die volle oder massive Fläche, die aus einer oder mehreren Tonstufen gebildet wird.

Diese drei Elemente, aus denen Bilder zusammengesetzt sind, wirken in unterschiedlicher Weise auf die Betrachter, je nach dem, in welcher Art sie im Bild vorkommen, entsprechend ihrer Häufigkeit und Größe.

 

Die Punkte

Wenn ein einzelnes, unbewegtes Objekt bestimmend auf einer Fläche ist, so handelt es sich um einen "beherrschenden Punkt". Ein solcher Punkt muß weder rund noch schwarz sein, jeder Gegenstand kann durch eine entsprechende Bildkomposition zu einem "beherrschenden Punkt" werden.

Wenn in einem Bild mindestens ein zweiter Punkt ist, der von einem Hauptbestandteil ablenkt, so ist dies ein "störender Punkt", der dem Bildaufbau abträglich ist. Finden sich viele solcher störender Punkte, die in ihrer Vielfalt nicht neue Formen oder Strukturen bilden, so wird ein Bild zu einer unklaren Ansammlung von Gegenständen ohne Aussage.

Befindet sich ein Objekt, das beherrschender Punkt ist, fast oder genau in der Mitte des Bildes, so wird es zur Achse, um die das ganze Bild zu rotieren scheint - ein Effekt, der meistens die Betrachtung stört, also nur in bewußt gewählten Ausnahmefällen einzusetzen ist.

 

Häufungen von Punkten haben sehr verschiedene Auswirkungen auf das Bild. Eine enge Häufung kann zur Fläche werden, eine Häufung mit einer gewissen Regelmäßigkeit kann eine Struktur entstehen lassen. Finden sich mindestens drei Punkte und höchstens so viele, daß sie noch mit einem Blick deutlich wahrgenommen werden können, so bilden diese eine optische Linie. Diese optische Linie kann aufgrund ihrer Form auch zur optischen Fläche werden.



Ein Sonderfall sind zwei (beherrschende) Punkte: Zwischen ihnen wandert der Blick des Betrachters unruhig hin und her. Die beiden Augen eines Menschen wirken im Porträt in dieser Weise als zwei beherrschende Punkte und stellen damit den Porträtphotographen regelmäßig vor eine besondere Aufgabe.

 

 

Die Linien

Jede Linie, die von einer Seite des Bildes zu dessen anderer Seite führt, teilt das Bild in zwei Flächen. Finden sich in einem Bild verschiedene Linienarten, so steigern sie durch ihren deutlichen Kontrast gegenseitig ihre besondere, eigene Wirkung. Die einfachste Linie ist die Waagerechte. Diese Linie vermittelt Ruhe und Kälte, sie wirkt flach und paßt damit gut zum Querformat. Befindet sich eine einzige Waagerechte im Bild, so erscheint diese als Horizont, mehrere Waagerechte vermitteln den Eindruck von Weite, sie führen den Blick in die Tiefe des Raumes. Wenn eine waagerechte Linie sehr breit ist, z. B. ein entfernter Waldrand oder eine Uferböschung, so wird diese Linie als enge Ansammlung von Senkrechten wahrgenommen.

Senkrechte Linien zeigen Wärme und Nähe, sie scheinen direkt vor dem Betrachter zu stehen und wirken daher wie Barrieren vor der Weite und der Tiefe des Raumes.

Diagonale sind kalt-warme Linien, für ihre Bildwirkung ist vor allem von Bedeutung, in welcher Weise sie durchs Bild führen. In jedem Fall zeigen sie eine starke Dynamik und Bewegung, so daß sie einen optischen Ausgleich brauchen, um das Auge des Betrachters nicht zu schnell aus dem Bild herauszuführen. Die größte Unruhe bringen schräge Linien, sogenannte "freie Gerade" in ein Bild, solche Schrägen brauchen einen kräftigen Ausgleich durch senkrechte oder waagerechte Linien. Besonders harmonisch wirkt dagegen eine Diagonale, die links unten beginnt und rechts oben endet. Eine Linie, die links oben beginnt und rechts unten endet, zeigt die stärkste Bewegung.

Freie Linien, also nicht-gerade Linien, auch Linien mit wechselnder Stärke (Dicke), haben die kräftigste Eigenaussage. Gerade in diesen Fällen ist eine Steigerung der Wirkung durch den Kontrast mit Geraden in hohem Maß möglich.

Kehrt eine Linie zu ihrem Ausgangspunkt zurück, so entsteht in dem von ihr umgrenzten Raum eine optische Fläche. Dieser Effekt tritt auch dann ein, wenn die Linie teilweise unterbrochen ist: die Wahrnehmung ergänzt solche Fehlstücke. In gleicher Weise wie bestimmte Punkthäufungen führt auch die Aneinanderreihung von Linien zum Entstehen von optischen Flächen, denn auch dabei werden "fehlende" Verbindungen in der Wahrnehmung ergänzt.

 

 

Die Flächen

Die Urformen der Flächen sind Dreieck, Kreis und Quadrat. Diese Formen heißen auch Kunst- oder Kulturform. Freie Flächen, die nicht den Kulturformen entsprechen und meist auch von freien Linien begrenzt werden, sind hauptsächlich solche, die in der Natur vorkommen (="Naturformen").

Das Dreieck ist eine aktive Form und kann je nach der Richtung, in die eine einzelne Spitze weist, eine starke Auf- oder Abwärtsbewegung vermitteln.

Kreise sind Symbole für Unendlichkeit und vermitteln Ruhe. Trotz der scheinbaren Endlosigkeit sind auf einem Kreis vor allem vier Punkte zu erkennen: der höchste, der tiefste, der am weitesten links und rechts gelegene Punkt. Durch die Verbindung dieser Punkte entstehen senkrechte und waagerechte Linien, die den Kreis in Halb- oder Viertelkreise aufteilen.

Biotop-Trenndamm Nordstrander Bucht

 

Das Quadrat vermittelt große Gleichmäßigkeit und damit auch Schwere. Das aus dem Quadrat abgeleitete Rechteck ist die häufigste geometrische Form.

Flächen, die einen großen Anteil des gesamten Bildfeldes ausmachen, brauchen eine Struktur, um interessant zu wirken. Zu kleine Flächen bringen Unruhe in ein Bild, sie wirken leicht wie eine unsortierte Menge an (störenden) Punkten.

Ein Bild kann optisch über seinen Rand hinaus vergrößert erscheinen, wenn Flächen im Bild nur zu einem Teil dargestellt sind und vom Betrachter über den Rahmen hinaus aus seiner Seherfahrung ergänzt werden können.

 

 

 

Die Seherfahrung

Viele der beschriebenen Bildwirkungen können nur entstehen, weil der Sehvorgang ein sehr komplexes Geschehen ist. Mit einem einzigen Blick in eine beliebige Richtung wird vom Auge eine unfaßbare Fülle von Informationen aufgenommen. Die darin enthaltene Informationsmenge kann vom Gehirn nicht verarbeitet werden. Tatsächlich wird nur etwa 1% des Gesehenen bewußt. Diese Auswahl darf nun möglichst nicht zufällig erfolgen, um eine Orientierung zu ermöglichen. Welche Elemente des Gesehenen wichtig sind und welche nicht, ist den Gegenständen nicht anzusehen und kann auch durchaus wechselnd sein. Daher kann nur aus der Erfahrung und der daraus resultierenden Bewertung des sehenden Menschen eine Bedeutungszuweisung erfolgen. Hieraus erfolgt die Auswahl dessen, was bewußt wahrgenommen wird und die Unterschiedlichkeit in der Beschreibung der gleichen Ansicht, des gleichen Bildes durch verschiedene Menschen. Ein weiterer Aspekt der Seherfahrung ist das Ergänzen von unvollständigen Wahrnehmungen. Viele Geschehnisse laufen so schnell ab, daß eine rechtzeitige Reaktion unmöglich wäre, wenn erst ein vollständiges Bild der bewegten Gegenstände erfaßt werden müßte. Auf herabfallende Gegenstände und fahrende Autos z. B. muß schon reagiert werden, wenn erst ein - kleiner - Teil davon sichtbar ist, weil sonst lebensgefährliche Situationen entstehen. Solche Reaktion ist nur möglich, wenn aus der Erfahrung heraus aus kleinen Stücken schon das Ganze wahrgenommen werden kann.

Um all dies zu ermöglichen, wird der optische Eindruck, der vom Auge an das Gehirn weitergeleitet wird, dort mit den vielen Bildern der Erinnerung verglichen. Ein Auswahlkriterium ist der Abgleich mit Signalen für Gefahr, die vorrangig bewußt werden und ggf. schon aus Teilwahrnehmungen ergänzt werden. Weitere Abgleiche erfolgen mit Eindrücken, die in besonderer Weise angenehm oder unangenehm sind. Um solche Bewertungen zu ermöglichen, genügt es nicht, ein aktuell gesehenes Bild mit früheren Bildern zu vergleichen. Zu den erinnerten Bildern muß gleichzeitig die Erinnerung an ihre Zusammenhänge mit dem vorigen Erleben der sehenden Person erfolgen. Diese Assoziationsketten sind der Grund dafür, daß bei ausreichend ruhiger Bildbetrachtung eine einzige Aufnahme eine Fülle von komplexen Erinnerungen, z. B. an einen Urlaub oder an Kindheitserlebnisse, auslösen kann - "ein Bild sagt mehr als tausend Worte". Deutlich wird auch, daß bei den vielen unbewußt ablaufenden Sehvorgängen ( z. B. im Verkehr) eine erhebliche Arbeitsleistung vom Gehirn erbracht wird und das "Sehen" meßbar nicht auf einzelne Gehirnregionen beschränkt ist, sondern umfassende Aktivitäten auslöst.

Erst aufgrund dieser reichhaltigen Seherfahrung und der weitreichenden Gehirntätigkeit während des Sehvorganges ist es überhaupt möglich, in einer Photographie und überhaupt in einem Bild etwas zu erkennen. Nur aufgrund der persönlichen Erfahrungen kann in einer einfachen Linie auf einem Photo ein "Horizont" gesehen werden; umgekehrt wird gerade wegen dieser Seherfahrung eine einzelne Waagerechte in einem Bild zunächst als Horizont und nicht als Geländer wahrgenommen. Nur die Seherfahrungen machen es möglich, einen teilweise abgebildeten und über den Bildrand hinausreichenden Gegenstand als das zu erkennen, was es ist - das dargestellte Bruchstück würde einem unkundigen Betrachter keine Information vermitteln. Eben diese Tendenz zur Ergänzung unvollständiger Abbildungen führt auch zu Täuschungen der Wahrnehmung. Viele nebeneinander verlaufende Linien sind eigentlich noch keine Fläche, werden aber zu einer solchen ergänzt. Ein besonders bekanntes Beispiel dafür sind die sogenannten "Sternbilder", die aus Sternen zusammengesetzt werden, die in der Tiefe des Raumes weit auseinanderliegen und in keinerlei Beziehung zueinander stehen. Die Motivation zu diesen Ergänzungen ergibt sich aus dem Wunsch nach dem Erreichen einer "guten Gestalt", also einer leicht faßbaren Ordnung aller wahrgenommenen Dinge.

 

 

Weitere Aspekte der Bildgestaltung


Es gibt eine Füle weiterer Dinge, die beim Bildaufbau eine Rolle spielen und berücksichtigt werden können. Nachstehend sind solche aufgeführt, die besonders wichtig und besonders leicht zu beeinflussen sind.

Bildformate

Das Querformat vermittelt - in Anlehnung an die waagerechten Linien - Ruhe, Tiefe und Kälte. Ahnlich den Senkrechten geht vom Hochformat Nähe, Wärme und Aktion aus. Beide Formate können auch durch die Wahl von extremen Seitenverhältnissen eine Bildaussage wesentlich unterstreichen.

Der Lichtgang

Ein Bild wird bei genauerer Betrachtung nicht als Ganzes erfaßt, sondern stückweise. Die Betrachtung beginnt wie bei einer Buchseite links oben und dort sollte ein Bild hell sein, um gewissermaßen einladend zu wirken. Wenn ein Bild ganz oder teilweise dunkle Randpartien hat, so entsteht die Wirkung der Fremdartigkeit, die z. B. bei Aufnahmen durch Torbögen etc. bewußt eingesetzt werden kann.

Horizonte

Wenn ein Bild keinen Horizont hat, werden die dargestellten Details hervorgehoben, sie können dadurch eine ornamentartige Wirkung erhalten. Ein Horizont in der Bildmitte wirkt fast immer ungünstig, da er das Bild zerteilt, seine Einheit aufhebt. Ein tief liegender Horizont unterstreicht den Eindruck von Weite und Ausgeglichenheit, ein hochliegender Horizont vermittelt dagegen Schwere.

Kontraste

Bildelemente können im Kontrast zueinander angeordnet sein, Flächen, Linien und Punkte können in kontrastierenden Mengenverhältnissen aufgenommen werden oder ihre Kontrastwirkung durch ihre Anordnung zu- oder gegeneinander entfalten.

Der goldene Schnitt

Diese Bezeichnung meint eine bestimmte Aufteilung des Bildes oder eine bestimmte Platzierung z. B. eines beherrschenden Punktes. Der goldene Schnitt folgt prinzipiell dem Verhältnis 1:1,6. In diesem Verhältnis vermehren sich nicht nur Kaninchen, das ganze Universum ist voll von Dingen, die (etwa) in diesem Verhältnis zueinander stehen; ein naheliegendes Beispiel dafür sind auch die Seitenlängen eines rechteckigen Photos: 24 x 36mm im Negativ und 9 x 13 cm oder 10 x 15 cm beim Standardabzug. Dieses Verhälnis erscheint besonders harmonisch, was die Bezeichnung "goldener" Schnitt auch zum Ausdruck bringt. Als Beispiel sei hier die Lage eines beherrschenden Punktes in einem querformatigen Bild angegeben, der goldene Schnittpunkt ist hier bei dem abgeleiteten Maßstab 3 : 5 angesetzt.


 

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